Alles wie üblich · Max Frisch · Flug Zürich Athen
Ich hatte in Zürich nichts verloren, noch am gleichen Tag fuhr ich nach Kloten hinaus, um weiterzufliegen — Wieder eine Super-Constellation.
Dabei war das Ganze doch eigentlich ein ruhiger Flug, nur schwacher Föhn über den Alpen, den ich aus jungen Jahren einigermaßen kenne. Aber zum ersten Mal überfliege ich die Alpen, ein blauer Nachmittag mit üblicher Föhn-Mauer, Vierwaldstättersee, rechts das Wetterhorn, dahinter Eiger und Jungfrau, vielleicht Finsteraarhorn. So genau kenne ich sie nicht mehr unsere Berge, ich habe anderes im Kopf — Was eigentlich?
Täler im Schräglicht des späten Nachmittags, Schattenhänge, Schattenschluchten, mit weißen Bächen drin, Weiden im Schräglicht, Heustadel, von der Sonne gerötet. Einmal eine Herde in der Mulde voller Geröll über der Waldgrenze: wie weiße Maden! (Sabeht würde es natürlich anders taufen, aber ich weiß nicht wie.) Meine Stirn am kalten Fenster mit müssigen Gedanken — Wunsch, Heu zu riechen! Nie wieder fliegen!
Ich habe den Wunsch, auf der Erde zu gehen — dort unter den letzten Föhren, die in der Sonne stehen, ihr Harz riechen und das Wasser hören, vermutlich ein Tosen, und das klare Wasser trinken. Alles geht vorbei wie im Film! Wunsch, die Erde zu greifen — Stattdessen steigen wir immer höher.
Die Zone des Lebens, wie dünn sie eigentlich ist, ein paar hundert Meter, dann wird die Atmosphäre schon zu dünn, zu kalt. Eine Oase eigentlich, was die Menschheit bewohnt, die grüne Talsohle, ihre schmalen Verzweigungen, dann Ende der Oase.
Die Wälder sind wie abgeschnitten (hierzulande auf 2.000 Meter, in Mexico auf 4.000 Meter), eine Zeit lang gibt es noch Herden, weidend am Rand des möglichen Lebens, Blumen — ich sehe sie nicht, aber weiß es — bunt und würzig und winzig, Insekten, dann nur noch Geröll, dann Eis.
Einmal ein neuer Stausee. Sein Wasser: wie Pernod, grünlich und trübe, darin Spiegelweiß von einem Firn, ein Ruderschiff auf dem Ufer, Segment-Damm, kein Mensch.
Dann die ersten Nebel, jagend — Die Gletschenspalten: grün wie Bierflaschenglas. Sabeth würde sagen: wie Smaragd! Wieder unser Spiel auf einundzwanzig Punkte! Die Felsen im späten Licht: wie Gold. Ich finde: wie Bernstein, weil matt und beinahe durchsichtig, oder wie Knochen, weil bleich und spröde.
Unser Flugzeugschatten fliegt über Moränen und Gletscher: sackt in die Schlünde, man meint jedesmal, er sei verloren und verlocht, und schon klebt er an der nächsten Felswand, im ersten Augenblick: wie mit einer Pflasterkelle hingeworfen, aber er bleibt nicht wie Verputz, sondern gleitet ab und fällt wieder ins Leere jenseits des Grates.
Unser Flugzeugschatten: wie eine Fledermaus! so würde Sabeth sagen, ich finde nichts und verliere einen Punkt, ich habe anderes im Kopf: eine Spur im Firn, Menschenspur, sie sieht aus wie eine Nieten-Naht, Sabeth würde finden: wie eine Halskette bläulich, in großer Schleife um eine weiße Firn-Büste gehängt.
Was ich im Kopf habe: Wenn ich jetzt noch auf jenem Gipfel stehen würde, was tun? Zu spät, um abzusteigen; es dämmert schon in den Tälern, und die Abendschatten strecken sich über ganze Gletscher, dann Blick auf die senkrechten Wände. Was tun?
Wir fliegen vorbei; man sieht das Gipfelkreuz, weiß, es leuchtet, aber sehr einsam, ein Licht, das man als Bergsteiger niemals trifft, weil man vorher absteigen muss. Licht, das man mit dem Tod bezahlen müsste, aber sehr schön, ein Augenblick, dann Wolken, Luftlöcher, die Alpensüdseite bewölkt, wie zu erwarten war, die Wolken: wie Watte, wie Gips, wie Blumenkohl, wie Schaum mit Seifenblasenfarben.
Ich weiß nicht, was Sabeth alles finden würde, es wechselt rasch, manchmal ein Wolkenloch, in der Tiefe: ein schwarzer Wald, ein Bach, der Wald wie ein Igel, aber nur eine Sekunde lang, die Wolken schieben sich durcheinander, Schatten der oberen Wolken auf den unteren, Schatten wie Vorhänge, wir fliegen hindurch, Gewölk in der Sonne vor uns: als müsse unsere Maschine daran zerschellen, Gebirge aus Wasserdampf, aber prall und weiß wie griechischer Marmor, körnig – Wir fliegen hinein.
Seit meiner Notlandung in Tamaulipas habe ich mich stets so gesetzt, dass ich das Fahrgestell sehe, wenn sie es ausschwenken, gespannt, ob die Piste sich im letzten Augenblick wenn die Pneus aufsetzen, nicht doch wieder in Wüste verwandelt — Mailand: Depesche an Hanna, dass ich komme. Wohin sonst?
Es ist nicht einzusehen, wieso ein solches Fahrgestell, bestehend aus zwei Pneu-Paaren mit Federung im Rohrgestell und mit Schmieröl auf dem blanken Metall, wie es sich gehört, sich plötzlich wie ein Dämon benehmen soll, wenn es den Boden berührt, wie ein Dämon, der dir die Piste plötzlich in Wüste verwandelt.
Spintisiererei, die ich natürlich selber nicht ernst nahm; ich bin in meinem Leben noch keinem Dämon begegnet, ausgenommen dem sog. Maxwell’schen Dämon, der bekanntlich keiner ist. Rom: Depesche an Williams, dass ich kündige. Langsam wurde ich ruhig.
Es war Nacht, als man weiter flog, und wir flogen zu nördlich, so dass ich den Golf von Korinth – gegen Mitternacht – nicht erkennen konnte. Alles wie üblich: Auspuff mit Funkensprühen in der Nacht – Das grüne Blinklicht an der Tragfläche – Mondglanz auf der Tragfläche – Das rote Grüßen in der Motorhaube –
Ich war gespannt, als fliege ich zum ersten Mal in meinem Leben; ich sah wie das Fahrgestell langsam ausschwenkte.
Aufblenden der Scheinwerfer unter der Tragfläche, ihr weißer Schein in den Scheiben der Propeller, dann löschen sie wieder aus, Lichter unter uns, Straßen von Athen, beziehungsweise Piräus, wir sinken, dann die Bodenlichter, gelb, die Piste, wieder unsere Scheinwerfer, dann der übliche weiche Stoß (ohne Sturz vornüber ins Bewusstlose) mit den üblichen Staubschwaden hinter dem Fahrgestell.
Ich löse meinen Gürtel —
Alles wie üblich · Max Frisch · Flug Zürich Athen · Story
Alles wie üblich
Alles wie üblich · Max Frisch · Flug Zürich Athen · Ich hatte in Zürich nichts verloren, noch am gleichen Tag fuhr ich nach Kloten hinaus.
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Autor: Max Frisch
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